Wunderland Spitzbergen

Als ich noch klein war, dachte ich, nur wenn man einem sprechenden weißen Kaninchen mit einer Taschenuhr, das es aus unerfindlichen Gründen schrecklich eilig hat, folgt, landet man irgendwann im Wunderland. Dass man aber gar nicht durch einen Kaninchenbau krabbeln muss, um sich mal ganz groß oder winzig klein vorzukommen, einen verrückten Hutmacher zu treffen oder andere Herausforderungen zu bewältigen, das wurde mir erst sehr viel später klar. Das Wunderland existiert. Vielleicht nicht so, wie Lewis Caroll es beschrieben hat, aber es ist da. Ich hab es gesehen. Zumindest einen Teil davon. Immer wieder zeigt es sich – oft in Momenten, in denen wir es gar nicht erwarten. Das erste Mal habe ich es entdeckt, als ich 15 Jahre alt war.
Da hatte ich noch pickelige Haut, einen hässlichen Kurzhaarschnitt mit blonden Strähnchen und eine Zahnspange. Auf meinen Klamottenstil möchte ich hier lieber nicht auch noch eingehen. Dass ich nicht gemobbt wurde, grenzt an ein Wunder. Seltsamer- oder besser glücklicherweise hat mein gruseliges Erscheinungsbild mein Schicksal nicht massiv beeinträchtigt, denn ich durfte im Zuge eines Schulprojekts an einer 10-tägigen Expedition in der Arktis teilnehmen. Genauer gesagt, in und um Spitzbergen, Norwegen, entlang des 79. Breitengrades. Das Ganze wurde damals von einer britischen Organisation in die Wege geleitet,  die sich zum Ziel gesetzt hat, den Menschen mit Hilfe von Kunst den Klimawandel etwas näher zu bringen. Gemeinsam mit 11 anderen Schülern aus Deutschland, Großbritannien und Kanada, sowie 8 Künstlern und Wissenschaftlern durfte ich mit der „Noorderlicht“, einem 2-Mast-Schoner, durch arktische Gewässer schippern und ein bisschen vor mich hin forschen. Ihr könnt euch meine Aufregung sicherlich vorstellen. Ich meine die Arktis – Hallo?!

Arktis-zweimaster

Als es dann endlich soweit war und ich in Longyearbyen aus dem Flugzeug stieg, war ich total enttäuscht. Nirgends lag Schnee und es war kaum kälter als in Deutschland. Alles, was ich sehen konnte, war grau. Das Gepäckband in der kleinen Ankunftshalle war unwesentlich größer als das Laufband in meinem Fitnessstudio, und auch als ich in dem Bus saß, der mich ins Zentrum von Spitzbergens Hauptstadt bringen sollte, hatte ich nicht das Gefühl, in der Arktis zu sein. Ich hatte mir vorgestellt, von glitzerndem Weiß, atemberaubenden Gletschern und einem Eisbären begrüßt zu werden. Aber so war es nicht. Jedenfalls nicht zu Anfang. Wir schliefen eine Nacht im Basecamp in Longyearbyen, bevor am nächsten Tag die Segel gesetzt wurden und wir uns auf den Weg nach Ny Ålesund, einem der nördlichsten Orte der Welt, machten.

Vorher wurden wir zwei deutschen Mädels noch vom Tigerentenclub interviewt – damit muss ich hier kurz mal angeben. Darauf war ich damals auch mächtig stolz. Inzwischen ist es mir eher peinlich, dass ich mein pickeliges Gesicht in eine Kamera gehalten habe und zeigen musste, wie schön meine Zahnspange beim Sprechen unter der arktischen Sonne gefunkelt hat.

arktis-boot-ausblick
Den Archipel von dem 2-Mast-Schoner aus zu erkunden, war ein einzigartiges Erlebnis. Wir machten natürlich mehrere Landgänge, bei denen uns jedes Mal ein bewaffnetes Crewmitglied begleitete, für den Fall, dass uns ein Eisbär begegnen würde, der Appetit auf 15-Jährige Möchtegern-Wissenschaftler haben könnte. Wir haben auch tatsächlich einen gesehen. Allerdings nur vom Schiff aus und es war auch mehr ein weißer, undefinierbarer Fleck, der sich bewegt hat, als ein Eisbär, aber mit dem Teleobjektiv unseres Fotografen dann doch als Knuts großer Bruder zu erkennen. Meine anfängliche Enttäuschung war wie weggeblasen, und ich sog alle Eindrücke in mich auf wie ein Schwamm.

Arktis-eis

Wir ließen uns Tiere und Pflanzen erklären, bauten aus geschliffenen Eisbrocken, die am Strand vor einem Gletscher angespült worden waren, Skulpturen, tanzten in einem verlassenen Dorf, und testeten bei einem kurzen Bad, wie kalt das arktische Meer ist.
In zehn Tagen lernte ich mehr über den Klimawandel, die Natur im Allgemeinen, über Zusammenhalt und Freundschaft, über verschiedene Kulturen und Sprachen und über mich selbst, als in neun Jahren Schule. Es war einfach toll.
An einem Abend zeigte sich ein atemberaubender Sonnenuntergang. So etwas Schönes hatte ich bis dahin nicht gesehen. Die letzten Strahlen des Tages brachen sich in Eisschollen, ein Seehund betrachtete genauso andächtig wie wir das Geschehen. Keiner traute sich etwas zu sagen, alle genossen diesen Moment in friedlicher Stille.

Arktis-sonnenuntergang

Dieser Moment machte mir klar, dass das Wunderland kein völlig frei erfundener Ort ist. Dass es existiert und dass ich es gerade zum ersten Mal entdeckt hatte. Es war magisch. Dieser Moment ist dafür verantwortlich, dass ich mich in das Reisen verliebt habe.

Natürlich ist Spitzbergen oder Svalbard, wie Einheimische es nennen, auch einen Besuch wert, wenn man nicht den Drang verspürt, den Klimawandel zu erforschen. Besonders Menschen, die sich gerne in der Natur aufhalten und ihre Freizeit aktiv gestalten, sind dort gut aufgehoben.
Es wird in Svalbard in zwei Reisezeiten unterschieden – Sommer und Winter. Je nach Reisezeit gibt es unterschiedliche Aktivitäten.

Sommer:
– Fossilien nachjagen
– Kajak fahren
– Fat Bike fahren (die Räder haben Reifen mit einer Breite von 4,8 Inch, die für die Natur freundlicher sind, als normale Mountainbikes)
– Minen-Besuche

Winter:
–  Hundeschlitten fahren
–  In Eishöhlen klettern (Ice Caving)
– Trips mit Schneemobilen
– Schneeraupen-Safaris

Außerdem kann man zu jeder Zeit wunderbar wandern gehen. Bei allen Aktivitäten ist es empfehlenswert, einen ausgebildeten und erfahrenen Guide dabeizuhaben.

Das Svalbard Museum und die Kirche sind ebenfalls sehr sehenswert!

Ein besonderes Phänomen in Svalbard sind die Nordlichter. Die größte Chance, dieses Wunder der Natur zu sehen, besteht zwischen Mitte November und Anfang Februar während der Polarnacht. In diesem Zeitraum herrscht die Dunkelheit, und es ist kein Unterschied zwischen Tag und Nacht zu erkennen. Man spricht auch von der Wintersonnenwende. Während der Mitternachtssonne von Mitte April bis Ende August wird es hingegen nicht dunkel.

Da unsere Expedition im September stattgefunden hat, habe ich die Nordlichter leider nicht bewundern können. Aber ich stelle sie mir atemberaubend schön vor, und allein dafür würde ich noch einmal nach Spitzbergen reisen. Wer kommt mit ins Wunderland?

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