In der ersten Reihe

Ich liebe das Theater. Sowohl Stücke anzuschauen, als auch selbst auf der Bühne zu stehen. Natürlich sind meine Tage im Rampenlicht schon längst vorbei – mit acht Jahren war ich der Star auf unserer Schulbühne (ich war eine Pellkartoffel, aber was für eine!) – aber die Leidenschaft ist noch immer da. Die wahren Dramen, egal ob in fünf Akten oder nicht, spielen sich aber nicht im Theater ab, sondern an Flughäfen. Von Komödie über Tragödie bis hin zur Horrorshow bekommt man am Flughafen wirklich alles geboten. In den letzten Jahren habe ich viel Zeit an Flughäfen verbracht. Teils beruflich, teils weil ich selbst von A nach B gejettet bin oder einfach weil ich Freunde verabschiedet und begrüßt habe. Besonders herzallerliebst finde ich immer zu sehen, wie verliebte Männer mit einem Blümchen in der Hand auf ihre Liebste warten, die wahrscheinlich nur eine Woche mit ihren Freundinnen auf Malle war und bei ihren drei Koffern gar nicht weiß, wohin mit dem Gewächs.

flughafen_ankunftNoch viel schöner zu beobachten ist eigentlich, wie Oma, Opa, Tante 1, Tante 2, die Freundin, Kumpel 1, Kumpel 2, Kumpel 3 + dessen Freundin, Mama, Papa und die drei Schwestern darauf warten, den verlorenen Sohn – Typ braungebrannter Sunnyboy – nach drei Monaten work & travel in Australien wieder zu Hause zu begrüßen. Für gewöhnlich sind es die Freundin, die zwei Tanten, eine von den drei Schwestern und natürlich die Mama, die in Tränen ausbrechen, wenn er mit seinem zerschlissenen Backpack und ausgeblichenem Haar in die Ankunftshalle tritt. Aber nicht nur in der Ankunftshalle passieren spannende Dinge. Beim Check-In geht es mindestens genauso wild zu. Was ich liebe, sind Menschen, die am Check-In stehen, vornehmlich in der Schlange direkt vor mir, die die ersten freundlichen Worte mit der Dame am Schalter schon gewechselt haben und dann erst merken, dass der Reisepass nicht da steckt, wo er sein sollte.

flughafen_papiereDas ist immer der Moment, wo sich langsam Panik breit macht. Das Handgepäck wird durchwühlt. Immer wieder hört man ein leises „Oh Gott“ und „Der war eben doch noch hier“ oder „Ich hab den ganz sicher hier irgendwo…“. Die Suche weitet sich dann auf das aufzugebende Gepäck aus, das umständlich wieder vom Band gehievt wird. Bevor aber auch der Koffer durchsucht werden kann, muss erst im Handgepäck nach dem Schlüssel für das kleine Vorhängeschloss gefischt werden. Die Dame am Schalter lächelt entschuldigend die Gäste in der Schlage an, die derweil immer länger wird. Der Koffer wird aufgeschlossen und in Lichtgeschwindigkeit fegen die Hände hindurch, wie Katrina durch New Orleans. Das ordentliche Packen, das mit Sicherheit Stunden gedauert hat, wenn man die akkurat gefalteten Hemden so betrachtet, wird  in weniger als einer Sekunde zunichte gemacht. Der betreffende Gast kurz vorm Herzinfarkt. Die Leute in der Schlage werden langsam unruhig, und man selbst unterdrückt den Drang, diesem Menschen seinen Rucksack aus der Hand zu reißen und selbst nach dem verdammten Reisepass zu suchen. Der Koffer wird wieder zugeschlossen und ein letztes Mal das Handgepäck in Angriff genommen. Der Reisepass steckt genau da, wo er sein sollte. Ein Aufatmen geht durch die ganze Schlange, als der Reisepass endlich in die Hände der jungen Frau von der Airline übergeht. Sobald das Einchecken beendet und alle Reisedokumente wieder sicher im Rucksack verstaut sind, wird versucht, so viel Abstand zur Schlange zu gewinnen, wie nur irgend möglich.

flughafen_gepaeckNach der Sicherheitskontrolle wird es keineswegs langweiliger. Habt ihr schon mal amerikanisches Security Bodenpersonal erlebt, das einen herrenlosen Koffer am Gate in Beschlag nimmt? Nein? Da habt ihr etwas verpasst.  Damit keine Panik ausbricht wird natürlich versucht, so unauffällig wie möglich vorzugehen. Erst wird die Vorhut geschickt. Eine Person schlendert ganz langsam am Gate vorbei. Der Koffer wird zu keiner Zeit aus den Augen gelassen. (Ich hab noch nie einen Menschen gesehen, der seinen Kopf um 180° Grad drehen konnte, aber dieser hier kam sehr nah dran…) Am anderen Ende angekommen, wird sich zweimal in Zeitlupe um die eigene Achse gedreht, Verstärkung trifft ein, und zu dritt wird der Rückweg angetreten. Hätte man mich so angestarrt wie den Koffer, wäre ich vor Scham im Boden versunken. Es wird sich neu formiert, und einer der drei (vermutlich der, der das kürzere Streichholz gezogen hat) nähert sich rückwärts mit einem gekonnten Moonwalk dem Koffer, stellt sich daneben und wartet. Bis R2-D2 kommt und den Koffer piepend und blinkend abtransportiert. Man könnte genauso gut schreien „Vorsicht, im Koffer ist wahrscheinlich eine Bombe!“, das würde kaum einen Unterschied machen.
Im Duty Free schlägt sich die Meute in der Zwischenzeit um die Stangen Zigaretten und deckt sich mit Lippenstift ein, als würden sie gleich auf einer einsamen Insel bruchlanden, von der man nur gerettet werden kann, wenn genug Marlboro für ein Rauchzeichen und ausreichend Maybelline  für ein perfektes S.O.S. in PLUM PASSION, PLEASURE ME RED und STRIPPED NUDES NAKED BROWN vorhanden ist.

flughafen_ende Das sind Szenen, die ich für Standing Ovations würdig halte, und wir sind noch nicht mal beim Boarding angekommen. Ich könnte Tage und Nächte an Flughäfen verbringen (hab ich auch tatsächlich schon gemacht) und einfach nur zuschauen. Was man geboten bekommt, ist unbezahlbar.

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